Zero G Flug Ilyushin 76 MKD

ICH WAR SCHWERELOS ...

MAX BIG Titelstory September 2004


Eingangsschild von Star City- Bild (c) copyright by Arne MuellerKeine Droge der Welt kann einen in den Zustand absoluter Schwerelosigkeit versetzen. Nein, wer fliegen will wie im Traum, muss ins Kosmonauten-Trainingslager nach Star City bei Moskau fahren und in ein Flugzeug steigen, das man auch "Kotzbomber" nennt.

Es ist wie in einem amerikanischen Kriegsfilm: Wir sitzen im Laderaum eines Frachtflugzeugs und werden ins Zielgebiet geflogen. Der erste Einsatz. In Hollywood gäbe es jetzt eine Nahaufnahme der Gesichter. Alle schweigen. Angespannte Stille.

Ich würde jetzt trotzdem gern mal was sagen: Mein Fallschirm schneidet mir in die Schultern. Das Ding ist viel schwerer, als ich gedacht hatte, am liebsten würde ich heimlich die Gurte lockern. Aber der Chief-Instruktor, der aussieht wie ein dritter Klitschko-Bruder, würde das gewiss nicht zulassen. Also: Zähne zusammen. Schweigen. Der Weg ins Zielgebiet kann nicht mehr so weit sein.

Ilyushin 76 MDK - Bild (c) copyright by Arne Mueller Wir befinden uns in einer russischen Ilyushin 76 MDK. Eine vierstrahlige, riesige Transportmaschine mit einer Spannweite von mehr als 50 Metern. Es riecht ein bisschen nach Turnhalle. Der Boden des Laderaums ist mit weichen, dunkelgrünen Matten ausgekleidet. Da! Ein paar Ränder alter Flecken. Bestimmt nur Wasserflecken. Oder? Schnell die Augen weiterwandern lassen. Es gibt eine Art Kommandostand an der dem Cockpit zugewandten Seite: lauter Instrumente, Schalter, Zeiger und Lämpchen. Sonst nichts. Keine Fenster, keine Sitze, keine Stewardessen, keine Häppchen. Die wären wenig angebracht.

Wir sind auf dem Weg in die Schwerelosigkeit. Da wird manchem auch der Magen leicht. Unsere Gruppe: eine Hand voll weltraumverrückter Deutscher und ein Ehepaar aus Polen, wahrscheinlich auch weltraumverrückt. Die jüngste von uns geht noch zur Schule, der älteste ist Rentner. Wir alle haben uns zu Hause vom Arzt gründlich durchchecken lassen, mussten vor dem Start das "Zero-G-Attest" vorzeigen. Experten sagen "Zero-G-Flug", weil die Schwerkraft, physikalisch G, hierbei zeitweise null ist (also "Zero"). Ein Zero-G-Flug ist nichts für Sesselhocker, nichts für Weicheier. Da muss man fit sein.

Warten auf den Start - Bild (c) copyright by Arne Mueller Du bist fit. Du bist fit. Du bist fit. Bist du fit? Die Wortketten rotieren in meinem Kopf. Andreas, unser Zero-G-erfahrener Gruppenleiter, hat gestern gesagt: Man muss sich auf die Schwerelosigkeit einlassen. Und ein bisschen Selbstbewusstsein mitbringen. Dann klappt's auch mit dem Magen.

Zwei Tage zuvor waren wir in Moskau gelandet und von dort nach Star City weitergereist, dem Sternenstädtchen, eine gute Busstunde nordöstlich von Moskau. In einem dichten Tannenwald verbirgt sich das Zentrum der russischen Raumfahrt. Seit 1966 werden alle Kosmonauten hier trainiert. Star City sieht aus, als habe irgendwer zwei Hände voll gelb verklinkerter Hochhausriegel in den Wald geworfen und mit asphaltierten Wegen verbunden. 6500 Menschen leben hier, Techniker, Wissenschaftler, Ärzte, angehende Kosmonauten, Kosmonauten im Ruhestand und der Amerikaner Greg Olsen, der 20 Millionen Dollar für einen Touristen-Flug ins All bezahlen will und hier seit vielen Monaten trainiert. Die Kinder der Stadt lernen von der zweiten Klasse an Englisch und wollen nicht Feuerwehrmann oder Krankenschwester werden, sondern ins Weltall fliegen. Ein paar von ihnen könnten es schaffen.

Warten auf die Schwerelosigkeit - Bild (c) copyright by Arne Mueller Zurzeit werden in Star City 39 Kosmonauten ausgebildet, sechseinhalb Jahre lang. Dann fliegen sie - vielleicht.

Der russischen Raumfahrtbehörde mangelt es an Geld. Deshalb dürfen seit kurzem Touristen nach Star City und Zero-G-Flüge machen.

Russland hat zwar erst 98 Menschen ins All geschickt - verglichen mit den 272 US-Astronauten also eher wenig -, dafür haben Russen mehr als fünfmal so viel Zeit wie die Amerikaner im All verbracht, "das haben Sie verstanden, ja?", hatte uns die russische Führerin erklärt, eine resolute Dame vom Aussehen einer in Lichtgeschwindigkeit gealterten Mireille Mathieu, die uns über das streng bewachte Gelände von Star City geleitet hatte.

Der berühmteste Bewohner der Stadt hieß Juri Gagarin und flog als erster Mensch ins Weltall. 1961 war das. Gagarin ist allgegenwärtig. Er steht als gewaltige Statue an der ersten großen Kreuzung von Star City, und er wohnt in den Köpfen der Einheimischen. Außerdem hat er sein eigenes Museum, in dem neben vielen Reliquien aus der russischen Raumfahrt auch alles ausgestellt ist, was von ihm übriggeblieben ist: seine halbverkokelte Brieftasche. 1968 war Gagarin mit einem Testflugzeug abgestürzt. "Leider", hatte Mireille Mathieu mit traurigem Blick gesagt, Gagarin war ein ausgesprochen gutaussehender Mann. Im Museum hängt neben der Brieftasche noch ein Foto: drei Birken, deren Wipfel aussehen wie abrasiert - der Ort, an dem seine MIG zu Boden ging. Genau dahin fliegen wir jetzt:

Gruppenzusammenhalt während der Parabel - Bild (c) copyright by Arne Mueller In der Ilyushin, mit gut 750 Stundenkilometern. Noch immer testen und üben die Russen über demselben Gelände wie einst. Nordöstlich von Moskau ist ein Luftraum von 2000 mal 2000 Kilometern dem Militär für alles freigegeben, was anderswo streng verboten ist. Zero-G-Flüge beispielsweise, auch genannt Parabelflüge. Bei einem Parabelflug steigt das Flugzeug mit einem Winkel von 45 bis 50 Grad in den Himmel, von 6000 auf gut 9500 Meter Höhe. Oben nimmt der Pilot das Gas zurück und lässt das Flugzeug abkippen. Dann geht's im selben Winkel wieder 3000 Meter der Erde entgegen. Einige Sekunden später fängt der Pilot die Maschine wieder ab und geht in den Geradeausflug über. Bis zur nächsten Parabel. Im Zeitraum zwischen Gaswegnehmen und Abfangen herrscht im Flugzeug absolute Schwerelosigkeit, etwa 25 bis 30 Sekunden lang. Die Menschen im Flugzeug fallen quasi genauso schnell gen Boden wie das Flugzeug selbst. Man kann dieses Abenteuer kaufen, zum Beispiel bei Anbietern wie Space Affairs im Internet. Und so sitze ich nun, inmitten meiner kleinen deutsch-polnischen Reisegruppe im gepolsterten Laderaum eines russischen Düsenfliegers und warte auf das Astronauten-Gefühl.

Verdrehte Welt während der Parabel - Bild (c) coypright by Arne Mueller Ein Parabelflug ist fliegerisch sehr anspruchsvoll. Ein Pilot steuert dabei nur das Höhenruder, ein anderer nur das Seitenruder. Und natürlich stehen Ersatzmänner parat, falls irgendwer vom Personal ohnmächtig wird (was nie passiert). Daneben sind ein Arzt an Bord und sieben so genannte Instruktoren, durchtrainierte walrossbärtige Russen, Kosmonauten-Ausbilder. Deren Anweisungen, hatte Andreas am Vortag gesagt, sollte man unbedingt folgen. Einer der Instruktoren bedeutet uns nun: Wir können die Fallschirme, die beim Start vorgeschrieben sind, abnehmen. Schon jetzt fühle ich mich unfassbar leicht. Die Instruktoren zeigen uns, wie wir die erste Parabel überstehen sollen: auf dem Boden sitzend, den Rücken zur Bordwand. Dabei halten wir uns an einer Stange fest, die wie ein Geländer an der Flugzeuginnenwand entlang läuft.

Dann geht alles sehr schnell. Das Manöver beginnt mit einem winzigen Durchsacken. Ein, zwei Sekunden das Gefühl, das man aus dem Auto kennt, wenn man sehr schnell über eine hügelige Straße fährt. Das Flugzeug senkt ganz kurz die Nase, um Schwung aufzunehmen für den Steigflug. Dann geht es bergauf. Die Triebwerke dröhnen.

Schwerelosigkeit durch 'freier Fall' - Bild (c) copyright by Arne Mueller Seltsamerweise kommt mir dabei der Flugzeugboden in keiner Weise geneigt vor und es rutschen trotz des 45-Grad-Winkels auch nicht alle Menschen in den hinteren Flugzeugteil. Dafür drückt mich eine mir bislang völlig unbekannte Kraft zu Boden. Als sei ein Monster auf meine Schultern gesprungen. Es kommt mir so vor, als wanderte sogar das Fleisch meiner Wangen gen Boden; kaum kann ich meinen Kopf aufrecht halten, er ist doppelt so schwer - im Steigflug herrschen zwei G, die zweifache Erdanziehungskraft. Und dann wird es gleißend hell.

Die Lampen im Laderaum signalisieren: Zero-G. Mein Blut, das die Schwerkraft eben noch in meine Zehen getrieben hatte, rauscht nun zurück in meinen Kopf. Aber was ist das? Meine Beine sind ganz leicht, wo sind überhaupt meine Beine? Da sind sie. Vor mir, über mir! Das können nicht meine Beine sein. Doch!

Ich halte immer noch die Stange umklammert und drehe mich unaufhaltsam nach oben - wo ist eigentlich oben, wenn es kein unten gibt? -, bis ich auf der Stange Handstand mache. Ich will wieder zurück, aber ich kann nicht lenken. Schwimmbewegungen nutzen in der Schwerelosigkeit nichts. Alles ist leicht. So unfassbar leicht. Es ist so schön, ich könnte jetzt sterben.

Alexander Boeker in Schwerelosigkeit - Bild (c) copyright by Arne Mueller Aber ich sterbe nicht. Aus den Lautsprechern knarzt den Instruktoren stattdessen in hartem Russisch die Aufforderung entgegen, uns wieder von der Decke zu pflücken. Kaum liege ich auf der Matte, fängt der Pilot die Maschine ab, und ich werde wieder mit zwei G auf den Boden gedrückt. Die Tragflächen - lasse ich mir später sagen - biegen sich bei diesem Manöver jeweils dreieinhalb Meter durch, wie Bambus im Wind. Nach einigen Sekunden fliegen wir wieder geradeaus. Meine erste Parabel habe ich überstanden.

Kurzer Vitalitäts-Check. Puls: beschleunigt. Magen: stabil. Hirn: wie auf Droge. Was war das, eben?

Die zweite Parabel. Alle werden mutiger, bis auf die Polen, die ihre Tüten allerdings sehr dezent benutzen. Wieder rauscht anfangs das Blut in meinen Ohren. Wieder wird alles leicht. Es ist das gleiche Gefühl, das man im Flugzeug hat, wenn der Ferienflieger durch Turbulenzen fliegt. Da zieht es einen ja auch manchmal für einen Wimpernschlag an die Kabinendecke. Beim Parabelflug steigert sich dieses Gefühl ins Unendliche. Ich bin völlig gewichtslos. Dieses Mal nehme ich mir die Zeit, mich umzuschauen. Die anderen fangen an zu schweben, die Instruktoren haben ihre Füße in Schlaufen auf dem Boden gehakt. Staubkörner stehen vor mir in der Luft. Ich stoße mich von der Wand ab, fliege zur Decke, stoße mich wieder ab und klebe an der anderen Wand. Ein Instruktor zieht mich wieder runter. Wie schnell, bitte schön, gehen 30 Sekunden vorüber?

Alexander Boeker nach überstandenem Parabelflug - links - Bild (c) copyright by Arne Mueller Noch acht weitere Parabeln fliegen wir, dann brechen die Piloten ab: Ein Orkan naht. Ich bin an der Decke gelaufen, habe Salto gemacht, ein Instruktor hat meinen Körper in Rotation versetzt und mich dann wie eine Kanonenkugel durch den Raum geschossen. Ich bin mit ausgebreiteten Armen geflogen, wie in den Träumen meiner Kindheit. Ich war schwerelos wie die Menschen im All. Ich habe geschrien vor Glück. Und, nein, ich habe nicht gekotzt, es war mir noch nicht einmal übel. Auf dem Rückflug schweigen wieder alle. Die Polen umklammern erschöpft ihre Tüten. In stiller Euphorie liegen wir auf dem Boden und nehmen kaum wahr, dass die Ilyushin irgendwann wieder auf den Boden aufsetzt. Jetzt noch die Leiter hinabklettern, rein in den Bus und vom Flugfeld direkt ins Hotel. Dort schlafe ich ein, für mehrere Stunden, am hellen Nachmittag. Mein Körper ist am Ende. Beim Aufwachen springt mich die bange Frage an: Wie lange werde ich mich erinnern? Wie lange werden sich meine Muskeln und Nervenbahnen erinnern? An das Gefühl, nur meinem Willen unterworfen zu sein, nicht aber der Schwerkraft?

Ich muss wieder da hoch!

Unser Mann in Star City: Der große Traum des Andreas Bergweiler

Andreas Bergweiler vor der Ilyushin 76 MDK - Bild (c) copyright by Arne Mueller Wer als Deutscher in Russland ein Weltraumtraining absolviert, kommt an ihm nicht vorbei: Andreas Bergweiler, 39.

Bergweiler gilt in der deutschen Szene der Raumfahrtbegeisterten als Lichtgestalt - uns als der Mann mit dem großen Traum. Bergweiler war der erste Zivilist überhaupt, der an einem russischen Kosmonautentraining teilnehmen durfte: 2001 übte er mit Kosmonauten Notlandungen im Wasser. Seitdem hat er ein paar dutzend Parabelflüge hinter sich, ein Zentrifugen Training und einen High-Altitude-Flug, bei dem man mit einem Jet auf 28 Kilometer Höhe aufsteigt - an den Rand des Weltraums.

Von dort aus sieht man die Erdkrümmung, und der Himmel ist schwarz. Seit Star City die Tore auch für Ausländer geöffnet hat, ist Bergweiler dort ein gern gesehener Gast - und wann immer eine deutsche Reisegruppe ein Space-Erlebnis bucht, ist Bergweiler als kompetenter Guide dabei. Und jeder Tag im Kosmonauten-Trainingscenter bringt ihn seinem großen Traum einen Schritt näher: dem Flug ins All, am liebsten in einem Soyuz-Raumschiff zur Internationalen Weltraumstation ISS, auf den Spuren von Weltraumtouristen wie Dennis Tito oder Mark Shuttleworth.

Allein: Es fehlen ihm die nötigen 20 Millionen Dollar. Von den nötigen Trainings jedenfalls hat Bergweiler die meisten absolviert. Jetzt fehlt nur noch der Sponsor. "Irgendwann", ist sich der Rheinland-Pfälzer sicher, "erkennt jemand, was für eine perfekte Werbefigur ein Privatmann im All ist!"

Text: Alexander Böker - Leitender Redakteur/Ressortleiter Modernes Leben der Zeitschrift MAX

Fotografie: Arne Müller
Bericht erschienen in der MAX-BIG Ausgabe am 23.09.2004.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung MAX